Unsere Historie im Überblick
Legende und frühneuzeitliche Traditionsbildung
Die erste Veröffentlichung zur legendären Frühgeschichte des Ordens entstand im späteren Umfeld des Falls von Byzanz (1435), der Eroberung von Rhodos (1522) und des Zusammenbruchs der christlichen Staaten auf dem Balkan. In dieser Epoche verstärkter Rückbesinnung auf das christliche Erbe wurde die Behauptung verbreitet, der Orden sei der unmittelbare Nachfolger der Garde des Labarums Kaiser Constantins des Großen (*270 oder 288; †337).
Nach der Darstellung des christlichen Geschichtsschreibers Lactantius ließ Constantin vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 ein Christuszeichen – ein Staurogramm – auf die Schilde seiner Soldaten malen. Das Labarum war seit Constantins Zeit die zentrale Heeresfahne der spätantiken römischen Armee: eine goldene Lanze mit Querbalken, an dem ein purpurner Schleier hing; an der Spitze befand sich das von einem Kranz umgebene Christusmonogramm (Chi-Rho). Dieses Feldzeichen verband kaiserliche Herrschaft mit sakraler Legitimation. Wie andere römische Standarten genoss auch das Labarum hohen kultischen Rang; seine Bewachung war einer ausgewählten Einheit von fünfzig besonders tapferen Soldaten, den sogenannten labarii, anvertraut.
In den unterschiedlichen Überlieferungen variierte die Frage, ob der Orden bereits von Constantin selbst oder erst von einem seiner Nachfolger – häufig wird Kaiser Herakleios I. im Jahr 638 genannt – zum Gedenken an den Sieg von 312 gegründet worden sei. Nach der Tradition soll zudem Kaiser Isaak II. Angelos im Jahr 1190 neue Statuten verliehen haben. Das Großmeisteramt sei anschließend erblich auf Familien übergegangen, die mit den byzantinischen Kaiserdynastien, insbesondere den Angelo Flavio Comneno beziehungsweise den Angeli[a], in Verbindung gebracht wurden. Diese behauptete institutionelle Kontinuität wirft jedoch erhebliche historische Fragen auf. Nach dem Morgenländischen Schisma von 1054 hätten die byzantinischen Kaiser als Angehörige der orthodoxen Kirche kein dauerhaft geregeltes kanonisches Verhältnis zum Heiligen Stuhl unterhalten können, das die päpstliche Bestätigung eines Ritterordens ermöglicht hätte. Ungeachtet dessen wurde der Orden weiterhin als älteste ritterliche Institution dargestellt, obwohl sich vor 1500 in keiner authentischen Quelle oder Denkschrift ein Hinweis auf eine solche Körperschaft findet.
Die Bereitschaft, die Legende von den mittelalterlichen Labarumrittern zu akzeptieren, erklärt sich aus der geistigen Atmosphäre der Renaissance. Humanisten wie Annius von Viterbo, Philippus Bergomas oder später Alfonso Ceccarelli verbreiteten umfangreiche pseudo-antike Genealogien, Stiftungen und Kaiserlisten, die weithin Glauben fanden. Vor diesem Hintergrund erschienen auch die Ursprungsmythen des Ordens keineswegs außergewöhnlich.
Bemerkenswert bleibt jedoch, dass der Orden – ungeachtet seiner legendären Frühgeschichte – seit dem 16. Jahrhundert real existierte, mit anerkannten Großmeistern, Statuten, Privilegien sowie kirchlicher Billigung und Bestätigung.
Fest steht: Der Sieg Constantins über Maxentius am 28. Oktober 312 inspirierte die Stiftung des Ordens nicht als elitäre Garde im antiken Byzanz, sondern viele Jahrhunderte später als symbolische Erinnerung an Constantins Vision und Bekehrung. Die Verknüpfung mit diesem Ereignis und mit dem Toleranzedikt von Mailand (313), das die Geschichte Europas und darüber hinaus prägte, verlieh dem Orden einen besonderen Rang.
Obwohl der Orden eine Institution der römischen Kirche ist, versteht er sich zugleich als Brücke zwischen östlichen und westlichen kirchlichen Traditionen. Dies zeigt sich auch in seinem Abzeichen: einem mit Lilienenden versehenen griechischen Kreuz, belegt mit dem XP-Christogramm (Chi-Rho), flankiert von Alpha und Omega sowie den Buchstaben I H S V (In Hoc Signo Vinces) auf den vier Kreuzarmen. Die Verbindung mit dem heiligen Georg, dem Patron christlicher Ritterlichkeit und besonders in den Ostkirchen verehrten Märtyrer, führte zur Wahl des bekannten Motivs des Drachenkampfes als weiterem Ordenssymbol. Auch die Annahme der Regel des heiligen Basilius des Großen gehört zu späteren Entwicklungsphasen, deren genaue Datierung schwierig bleibt.
Gesicherte historische Entwicklung
Die nachweisbare Geschichte des Ordens reicht bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Bereits in dieser Zeit erhielt der Orden zahlreiche Zeichen päpstlicher Anerkennung und Unterstützung.
Mit päpstlicher und kaiserlicher Zustimmung wurde das Großmeisteramt dann 1697/1698 vom letzten Vertreter der Angeli Comneni, Giovanni Andrea II., auf Francesco Farnese (1678–1727) übertragen. Von dort gelangte es an das Haus Bourbon. Papst Innozenz XII. genehmigte die Übertragung am 24. Oktober 1699 mit dem Breve Sincerae fidei und Papst Clemens XI. bestätigte sie am 20. April 1701 mit dem Breve Alias feliciter.
Die päpstlichen Dokumente zeigen eine bemerkenswerte Zurückhaltung: Nicht eine unbestrittene Antike wurde anerkannt, sondern bestehende Streitfragen wurden bereinigt und der Institution unter der Autorität Herzog Francesco Farneses eine klare rechtliche Grundlage verliehen. 1705 reformierte Farnese die Statuten; 1706 folgte die Genehmigung durch den Heiligen Stuhl. Mit der Bulle Militantis Ecclesiae vom 27. Mai 1718 bestätigte Papst Clemens XI. den Orden feierlich als religiös-militärischen Orden, verlieh ihm zahlreiche Privilegien und stellte ihn den anerkannten ritterlichen Orden der Kirche gleich. Zugleich wurde erklärt, der Orden sei unter apostolischer Genehmigung neu errichtet worden – faktisch eine moderne Neubegründung unter Wahrung der Tradition.
Nach dem Aussterben der Farnese 1731 ging das Großmeisteramt auf Karl von Bourbon über, Sohn von Elisabeth Farnese und König Philipp V. von Spanien. Papst Clemens XII. bestätigte die Nachfolge 1738, Papst Benedikt XIV. bekräftigte sie 1741. Karl, seit 1734 König von Neapel, verlegte den Sitz des Ordens dorthin. Als er 1759 König von Spanien wurde, übergab er das Großmeisteramt seinem Sohn Ferdinand, König von Neapel und Sizilien. Diese Nachfolge bestätigten Papst Clemens XIII. (1763) und Papst Pius VI. (1776). Auf Ferdinand folgten Franz I. und Ferdinand II.; der selige Pius IX. bestätigte 1851 mit dem Breve Maxime et praeclarissima die bestehenden Rechte und Privilegien. Letzter Großmeister als regierender Souverän beider Sizilien war der Franz II., dem Pius IX. 1860 und 1863 weitere Privilegien verlieh.
Mit der Einigung Italiens verlor das Haus Bourbon-beider Sizilien den Thron, behielt jedoch das Großmeisteramt des Constantinischen Ordens sowie der anderen dynastischen Orden. Die Ernennung eines Kardinalprotektors durch den Heiligen Stuhl sicherte die kirchliche Einbindung; die strenge Unterscheidung zwischen territorialer Souveränität und dynastischen Rechten ermöglichte die institutionelle Kontinuität.
Im 20. Jahrhundert gewährten die Päpste weitere Privilegien. Der Heilige Pius X. bestätigte 1911 und 1913 besondere Rechte für geistliche Ritter und unterstützte den Bau der Magistralbasilika Santa Croce al Flaminio in Rom, vollendet 1913 zum 1600-jährigen Jubiläum des Edikts von Mailand. Papst Benedikt XV. übertrug dem Orden 1916 erneut die Kirche Sant’Antonio Abate al Reclusorio in Neapel. Während der beiden Weltkriege engagierten sich Ritter und Damen des Ordens gemeinsam mit dem Roten Kreuz und anderen Institutionen in der Hilfe für zivile und militärische Opfer.
Heute definieren die geltenden Statuten die Zielsetzung des Ordens wie folgt:
"Der Heilige Militärische Constantinische Orden des Heiligen Georg ist ein ritterlicher religiöser Orden, der sich in seinem äußerst fernen Ursprung die Verherrlichung des Kreuzes, die Verbreitung des Glaubens und die Verteidigung der Heiligen Römischen Kirche zum Ziel gesetzt hat, mit der er aufgrund besonderer Verdienste, die er im Osten im Kampf gegen die Ungläubigen erworben hat, und aufgrund zahlreicher Dankes- und Wohlwollensbekundungen der Päpste eng verbunden ist. ... Der Orden, der seine jahrhundertealten Institutionen fortgeführt und sie den Anforderungen der Zeit angepasst hat – die durch ihre Entwicklung das Gefüge der heutigen Gesellschaft verändert haben –, beabsichtigt ferner, seinen größten Beitrag zu sozialen Tätigkeiten und Werken karitativer und wohltätiger Natur zu leisten, insbesondere in der Krankenpflege und in der Mildtätigkeit".
(Statuten, Kapitel I).
